Bergspirit und Steine

 

Bayaraa hatte mir aufgetragen Milch und Wodka an den Ovoos zu opfern und dort zu meditieren. Nach dem Mittagessen sollen sich nun alle vor die Ovoos in die pralle Sonne zum Meditieren setzen. Für mich geht es also ohne Unterbrechung weiter. Es hat an die dreißig Grad. Der Schweiß rinnt, Knie und Rücken schmerzen, ich bin so müde. Das Abendessen um sechs Uhr bringt die Erlösung. Danach erklärt Bayaraa einige alte schamanische Orakel-Techniken die er gerne verwendet und lässt sie uns an einander üben. Kurz vor Mitternacht bricht er mit einer kleinen Truppe zur Jagd auf. Die Verbliebenen sollen in der Zeremonienjurte die Trance üben. Die beiden Schamaninnen verzaubern uns dazu mit ihren Maultrommeln.  

Als ich ander Reihe bin tanzt diese besondere Kraft wieder einen Gesten-Tanz mit mir und ich fühle mich danach wie ein völlig entladener Akku. Ich zittere am ganzen Körper. Mir ist kalt.  

Die Schamaninnen bespucken mich nochmals mit Wodka und geben mir Milch zu trinken.  

Ich schlafe kurz, aber wie ein Stein.

 

Bergspirit

 

Tags darauf nimmt Dr. Bayaraa drei Praktikantinnen und den Schamanen mit auf die Fahrt zu seinem Bruder. Wir queren mit dem Auto den Fluss, einige Seitenarme und Zuflüsse und fahren ein Tal hinauf. Oben stehen ein paar Holzhütten. Einfachste Verhältnisse.  

Bergspirit

Aber hier gibt es Tisch und Bänke zum Sitzen!  

Wir bekommen mongolischen Milchtee, selbst gebackenes Brot und eine Art Frischkäse angeboten. Bayaraas Bruder hat ein schmäleres Gesicht, die beiden ähneln sich kaum. Seine beiden süßen kleinen Töchter starren uns interessiert an. Die Ältere der beiden schenkt uns ein paar von ihr selbst als Schildkröten geformte typisch mongolische Quarkkekse. Sie sind ziemlich hart, kaum gesüßt und etwas schwer zu Essen.

 

Bergspirit

 

Bayaraa erklärt nebenbei, dass Steine nicht gesammelt und fortgebracht werden dürften, denn dann würden sie weinen. Höchstens dürfe man Flusssteine auf einen Berg mitnehmen und dort ablegen, denn dort kämen sie ja her. Steine müssten immer an einen dem Himmel näheren Ortgelegt werden, als man sie gefunden hat…eine ganz neue Sichtweise für mich. Ich habe einen besonderen Stein von zuhause mitgebracht und wollte ihn Bayaraa schenken.  

Das werde ich nun lieber bleiben lassen.

 

von Steinen

 

Wir fahren zurück und nehmen frisches Wasser aus einem Gebirgsbach mit.

In der Zeremonienjurte lässt uns Bayaraa als Dreiergruppe auf schamanische Reise gehen.  

Es ist beeindruckend mit welcher Macht und Energie er uns dabei zu manipulieren weiß und unsere Reisen beeinflusst. Ständig kann ich seine Präsenz spüren.

Nach dem Abendessen führt er uns zu einem kleinen Bach, und dort dürfen wir endlich mal ins Wasser. Eintauchen in das knapp knietiefe Wasser und die Haare waschen…was für eine Wohltat! In der Nähe steht ein Ovoo.

In einer Linie setzen wir uns mit verbundenen Augen davor, meditieren und sollen die Energien des Ortes auf uns wirken lassen. Was ist hier gewesen? Vor meinem inneren Auge erscheinen Schemen, wie Pfosten mit Verbindungen, fünf Stück. Und eine menschliche Gestalt, die jedoch wie aufgelöst erscheint. Vor kurzem gestorben? Jeder berichtet über seine Vision. Bayaraa erzählt die Auflösung: Der Vorsteher der Ansiedlung hatte in der Sowjetzeit fünf Kreuze um den Ovoo aufstellen lassen, die mittlerweile wieder entfernt worden waren und würde auch nicht mehr leben. Ich bin selbst erstaunt wie das passt.

Es dämmert und wird kühl. Wir sammeln Holz für ein Lagerfeuer. Als ich ein paar Äste aus dem Bergwald hole fühle ich mich beobachtet. Ein leicht unangenehmes Gefühl. Ich trage sie zur Feuerstelle und vergesse diese Begebenheit. Wir tanzen und singen zur Trommelmusik ums Feuer während in der Ferne ein Wetterleuchten aufzieht. Eine wundervolle Stimmung. Das Gewitter kommt schnell näher, erste dicke Tropfen fallen und wir müssen leider aufbrechen. Durch die Finsternis stolpern wir über die Wiesen zurück. Ich fühle mich verfolgt. Ich bilde um unser Grüppchen einen energetischen Schutzkreis.  

Wir dürfen nicht ins Camp, da einer der Schamanen gerade seinen Ahnengeist gerufen hat und diese Zeremonie nicht gestört werden darf. Blitze zucken zwar über den Himmel aber es regnet noch nicht richtig. Also setzen wir uns an den Fluss, flüstern miteinander oder meditieren. Seltsamerweise haben alle diese Empfindung des Verfolgtwerdens gehabt. Bayaraa steht etwas abseits und muss sich übergeben.

Später in seiner Jurte befragt er uns ob uns in den letzten Stunden etwas aufgefallen sei. Ich erzähle von meiner Empfindung beobachtet und verfolgt worden zu sein und deshalb einen Schutzkreis gezogen zu haben. Er hört sich regungslos alle Bemerkungen an.  Dann legt er los. Er habe einen starken Bergspirit gerufen um uns zu testen und uns die Möglichkeit zu geben mit diesem zu arbeiten. Nun hätten wir durch unsere diversen stümperhaften Schutzkreise Barrieren gebaut und ihn und den Bergspirit verärgert. Wir stünden hier jederzeit und überall unter seinem persönlichen Schutz und bräuchten sowas wie Schutzamulette ebenfalls nicht. Die würden nur unsere Ausbildung behindern… Wir sollen nun allen Schmuck,  Amulette und Steine ablegen! Betretenes Schweigen.  

 

vom Heilen  

 

 

 

 

 

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