von Geiern und Trance

Bei Sonnenaufgang wird das Schafopfer mit einem Geländefahrzeug auf einen an der gegenüberliegenden Talseite gelegenen Sattel gebracht und dort abgelegt. Als ich wach werde und aus der Jurte trete sehe ich riesige Vögel am Himmel kreisen. Ich gehe zu Buggy und spreche ihn darauf an. Das sind Mönchsgeier…schau mal da drüben! Da sehe ich über zwanzig Exemplare dieser größten Geierart, und etliche Adler, Milane, Raben und andere Vögel drüben bei dem Schafopfer sitzen…wohl beim Frühstück. Andere kreisen am Himmel, stoßen hinab oder lassen sich von der Thermik tragen. Ein erhabenes seltenes Schauspiel.  

Ich kann mich gar nicht satt sehen an all den fliegenden Luftakrobaten.  

Sinnbild vollkommener Freiheit.

 

Geier

 

Wir beobachten die prächtigen Vögel durch Kamera oder Fernglas oder einfach so. Es ist brütend heiß. Buggy winkt uns in den Schatten eines der großen Bäume zu kommen.  

Bayaraas Frau und eine der Schamaninnen zeigen uns aus jeweils 9 schwarzen Fäden Kordeln zu drehen. Jeder soll nun 108 dieser Kordeln für eine eigene Trancehaube drehen. Damit sind wir bis zum Abendessen beschäftigt.

 

Trance

 

Am Abend ruft diesmal die junge Schamanin ihren Ahnengeist. Da es noch relativ hell ist können wir das genau beobachten. Ihr Ahnengeist ist ein völlig anderer Typ als der des Schamanen vom Vortag. Er redet nicht so viel sondern lässt sie gestikulieren und handeln.

Bei Sonnenuntergang versammeln sich alle in der Zeremonienjurte.  

Anfangs meditieren wir in völliger Stille. Nach geraumer Zeit deutet Bayaraa dem Ersten sich auf die Kissen vor dem Altarzu knien. Die Schamanin spielt Maultrommel, Bayaraa seine Dreiecks-Trommel. Die Dreiecks-Trommel dürfen nur Meisterschamanen spielen.

Schon an meinem Platz hinten an der Jurtenwand fühle ich wie die Klänge in meinen Körper eindringen und ihn packen. Ich beobachte wie es andere da vorne schüttelt und beutelt, wie geweint, gelacht und geschrien wird. Ich kann mich nicht einmal darüber wundern.

Dieser Raum ist voller Magie. Ohne jegliche Drogen, allein durch Meditation und diese Klänge wird ein unbeschreiblicher Zustand erreicht.

Dann komme ich an die Reihe. Ich bin aufgeregt. So wie als Kind, als ich auf das Christkind und die weihnachtliche Bescherung gewartet hatte. Die Schamanin verbindet mir sanft die Augen. Ich soll mich möglichst entspannt, ein wenig nach vorne gebeugt, mit leicht hängenden Schultern hinknien. Bayaraa klopft mir mit dem Trommelschlägel den Rücken hinunter.  

Dann setzt die Maultrommel ganz nah an meinem rechten Ohr ein. Mein Kopf geht sofort mit. Ich kann und will gar nichts dagegen tun. Nicke und schaukel zu diesen eigenartigen Klängen. Etwas ganz tief in mir drinnen erwacht und beginnt sich zu regen. Etwas Uraltes.  

Fasziniert spüre ich dem was da passiert hinterher.

Als die Trommel einsetzt, schnell und pulsierend, reagiert mein ganzer Körper. Er rockt regelrecht, mein Kopf vollführt ein Headbanging wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Immer wilder, rasender…bis ich meine das Bewusstsein zu verlieren.  

Mir ist Alles egal. Ich lasse, was auch immer, los und falle vornüber.  

Ich kann mich nicht mehr bewegen. Ich stecke gefühlt, halb in mir und halb neben mir. Erstaunt, ob ich den letzten Schritt, hinaus, wagen sollte. Ich fühle dort eine unglaubliche Freude und Freiheit.  

Da merke ich, dass da noch etwas ist, eine Art Kraft, und mache ihr neben mir Platz.  

Plötzlich wird mein Körper aufgerichtet und meine Arme beginnen sich zu bewegen, wie wenn sie an Fäden, wie bei einer Marionette hängen würden. Kaum dass ich diesen Zustand erlebe werde ich zurückgetrommelt und erhalte eine Wodkadusche ins Gesicht. Ich schlage dabei wild um mich und fauche. Tja. Mein ICH hatte völlig die Kontrolle verloren. 

Später erzählen mir die Anderen ich hätte mit meinen Händen eine Art Tempeltanz vollführt und mich mehrmals vor dem Altar und den Anwesenden verbeugt und etwas verteilt. Es hätte sehr schön und positiv ausgesehen.  

Ich wanke an meinen Platz zurück und bin noch ziemlich benommen. Körperlich erschöpft aber innerlich aufgeladen. Es ist vier Uhr Früh.

In der Schlafjurte will ich mich gerade in meinen Schlafsack einkuscheln, da erscheint Bayaraa in der niederen Türe und winkt mir mitzukommen. Ich soll diese Nacht in der Zeremonienjurte schlafen und auf meine Träume achten. Neben mir Bayaraa und zwei weitere Schamanen, die leise schnarchen, über mir seltsame Ritualobjekte die vom Jurtenhimmel hängen. Draußen zwölf Elstern die Trommelwirbel aufs Dach trommeln. Beim ersten Morgengrauen gehe ich hinaus und versuche sie zu verscheuchen. Das ganze Camp ist voller Vögel. Wie seltsam.

Danach gelingt es mir ein wenig zu schlafen. Als ich aufwache bin ich alleine und kann mich genauer umschauen. Bayaraa kommt mit einem Vokabelheft herein. Mongolisch – Deutsch.  

Mit dessen Hilfe versucht er mir Dinge zu erklären. Er sieht mir lange in die Augen,  

dann verkündet er, dass ich nun seine Schülerin sei…

 

Trance

 

der Bergspirit  

 

 

 

 

 

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